Dr. phil. Christian Hardinghaus, Prof. Dr. rer. nat. Hans Machemer

Wofür es lohnte, das Leben zu wagen

Briefe, Fotos und Dokumente eines Truppenarztes von der Ostfront 1941/42 mit DVD: Dokumentation mit Original-Filmaufnahmen

368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Fotos und Reproduktionen, 13,7 × 21,7 cm

02.03.2018


29,90 € (D) / 30,80 € (A) inkl. MwSt.
ISBN 978-3-95890-120-9

Zeitgeschichte aus erster Hand – das Schicksal eines Augenarztes an der Ostfront 1941/42, der für die »Arisierung« seiner Familie kämpfte

Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 fallen über drei Millionen deutsche Soldaten ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein. Auch Helmut Machemer ist darunter, als Unterarzt in einer Panzer-Aufklärungs-Abteilung. Bei Kriegsausbruch hat er sich freiwillig gemeldet, obwohl der 36-jährige Facharzt für Augenheilkunde aufgrund seines Alters und Berufsstandes vom Frontdienst freigestellt worden wäre. Sein Schicksal hängt mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten und den Nürnberger Gesetzen zusammen, nach denen seine Ehefrau Erna als »Halbjüdin« und seine drei kleinen Söhne als »Vierteljuden« eingestuft werden – eine gesellschaftliche Diskriminierung, unter der er tief leidet. Da er sich von seiner Familie nicht trennen will, bleibt ihm nur ein Ausweg: Als »arischer Reichsbürger« kann er durch besondere Tapferkeitsauszeichnungen eine Begnadigung und »Arisierung« seiner Familie erhoffen. Und so zieht er als Unterarzt in den Krieg gegen die Sowjetunion.

Helmut Machemer hat seine Kriegserlebnisse detailliert dokumentiert: In über 160 Briefen, über 2000 Fotos und mehreren Stunden Filmmaterial schildert er den deutschen Vormarsch in der Südukraine 1941 und die russische Gegenoffensive zu Beginn des Jahres 1942. Sein Sohn Hans Machemer und der Historiker Christian Hardinghaus haben diese Dokumente ausgewertet, gesichtet und zusammengefasst. Herausgekommen ist ein erschütterndes Bild über das Leben, Kämpfen und Sterben einfacher Soldaten, über das namenlose Leiden der Landser auf deutscher wie auf russischer Seite, die durch eine verbrecherische Führung in einem sinnlosen Krieg starben – ein einzigartiges Zeitdokument, das 73 Jahre nach Ende des Krieges endlich zugänglich ist.

• Das bewegende Schicksal von Frontarzt Dr. Helmut Machemer, der im Krieg für das Leben seiner Frau und seiner Kinder kämpfte

• Eine einzigartige Dokumentation über den Krieg in der Südukraine von Herbst 1941 bis Frühsommer 1942

• Leben und Sterben der Soldaten an der Ostfront – authentisch geschildert in über 150 Feldpostbriefen und handschriftliche Berichten

• Auswertung von über 2000 Originalfotos und mehreren Stunden Filmmaterial 


Wie sind Sie auf das Material gestoßen? Seit meiner Studentenzeit war mir bekannt, dass meine Mutter Familienpost in Aktenordnern gesammelt und sorgfältig aufbewahrt hatte. Dazu kamen viele Kleinbildaufnahmen und Filme meines Vaters, die – teils beschädigt – über das Kriegsende hinaus gerettet werden konnten. Es vergingen aber Jahrzehnte, bis ich den Wert dieser Dokumente zu verstehen begann. Am Ende entschloss ich mich, alle Originalbriefe abzuschreiben, die Text- und Bilddokumente einzuscannen, diese in die Briefe zu integrieren und das Ganze für die weitere Familie zu vervielfältigen.

Warum wollen Sie die Geschichte Ihrer Eltern veröffentlichen? Der Schritt von der Bewahrung privater Dokumente zu deren Veröffentlichung ist mir schwergefallen. Während der Arbeit an handschriftlichen Texten, Bildern und Filmen wurde mir auf dramatische Weise eine Zeit lebendig, die ich bisher nur aus der Sicht von Historikern oder der Erinnerung von Überlebenden des »Dritten Reiches« kannte. Hinzu kommt, dass meine Eltern – der Vater »arisch«, die Mutter »Halbjüdin« – um den Bestand von Familie und Beruf unter den Rassegesetzen kämpften. Die Briefe meines Vaters mögen, so hoffe ich, zu einem differenzierten Blick auf den Krieg an der Basis beitragen, nicht zuletzt stellvertretend für viele für immer verstummte Opfer auf allen Seiten.

Wie haben Sie das Vorhaben umgesetzt? Mir wurde klar, dass die vorliegenden Dokumente nicht ohne eine historische und politische Einbettung verstanden werden können. Dazu suchte ich die Zusammenarbeit mit einem Historiker, der mit der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges vertraut ist. Ein Zufall brachte mich mit Herrn Dr. Hardinghaus zusammen, der über den Antisemitismus im »Dritten Reich« promoviert hatte und heute unter anderem Interviews mit überlebenden deutschen Zeitzeugen führt, um sie in historische Graphic Novels und Romane zu transformieren. Herr Hardinghaus und ich erarbeiteten aus den vorhandenen Familiendokumenten ein Sachbuch, das den Schriftverkehr meiner Eltern über ausgewählte 30 Kriegswochen dokumentiert. Wir integrierten eine Vielzahl von Aufnahmen meines Vaters aus dem Frontgeschehen sowie Dokumente, die zeigen, wie er um die »Arisierung« seiner in der Heimat bedrohten Familie kämpfte.

Haben Sie als Kind von den politischen Sorgen Ihrer Eltern gewusst? Überhaupt nicht. Wir Brüder danken es unserer familiären Umwelt, dass wir als Kinder politisch unbelastet blieben. Unser geliebtes Kindermädchen Agnes erzählte mir später schmunzelnd, dass ich – als Vierjähriger neugierig vom Fenster auf die Straße schauend – eine marschierende Formation von Hitlerjungen erblickte und ausrief: »Kuck mal, Achnes, die Hitlerjuden kommen!« Der Unterschied zwischen Hitlerjungen und Hitler-Juden war mir nicht bekannt. Später waren mein älterer Bruder und ich in der Kinderorganisation der HJ, dem Jungvolk, und nahmen begeistert an einem Zeltlager teil. Als bei Kriegsende amerikanische Truppen in unsere letzte Zuflucht in der Rhön einmarschierten, vergoss ich bittere Tränen darüber, dass nach endlosen Entbehrungen, Gefahren und Leiden »wir« den Krieg verloren hatten.

Welche Erinnerungen haben Sie selbst noch an Ihren Vater im Krieg? Da mein Vater nur bis zum Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion Urlaub bekam, sind meine persönlichen Erinnerungen spärlich. Während eines Heimaturlaubs aus Rumänien verpasste der Vater uns Kindern eine schmerzhafte Spritze gegen Diphtherie und tröstete uns mit einem süßen Bonbon. Meine ungestillte Sehnsucht nach dem Vater im Felde führte später zu einer traurigen Verwechslung, als ich, auf der Straße spielend, von ferne einen schlanken Mann in Uniform auf unser Haus zugehen sah und aufgeregt zu meiner Mutter stürzte und rief: »Vati kommt! Vati kommt!« Meine Erinnerung an die Aufklärung dieser Verwechslung ist völlig ausgelöscht. Auch die Briefe, die mein älterer Bruder und ich unter der Aufsicht der Mutter an den Vater nach Russland schrieben und die dieser zur Aufbewahrung in die Heimat zurücksandte, sind mir nur nachträglich aus den Dokumenten bekannt. Insgesamt sind wir drei Brüder, wie viele unserer Altersgenossen, vor allem durch das Erleben einer Kindheit mit einem fehlenden Vater geprägt worden.

 
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