Jens Høvsgaard

Gier, Gas und Geld

Wie Deutschland mit Nordstream 2 Europas Zukunft riskiert

Aus dem Dänischen von Tanja Ohlsen
ca. 256 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
13,7 × 21,7 cm
WG 1972

Erscheint im Februar 2019


19,00 € (D) / 19,60 € (A)
ISBN 978-3-95890-263-3

Putins Griff nach Deutschland und Europa: Die Wahrheit über Nordstream 1 und 2
 
8. November 2011: Die Nordstream Gasleitung von Russland nach Deutschland wird offiziell durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew eröffnet – trotz heftiger Proteste, vor allem von Dänemark, Schweden, Polen, Finnland und den baltischen Staaten, die ökologische und sicherheitspolitische Bedenken gegen den Pipelinebau vorbrachten. Inzwischen wird bereits an Nordstream 2 gebaut, wieder gegen die Bedenken der meisten betroffenen EU-Staaten.
 
Jens Høvsgaard deckt nach jahrelangen Recherchen auf, wie Putin und das russische Mutterunternehmen Gazprom mit Lobbygeldern in Milliardenhöhe alle Bedenken und Hindernisse aus dem Weg räumten, Spitzenpolitiker in allen Anrainerstaaten auf ihre Seite brachten und Kritiker durch lukrative Aufsichtsratsposten beschwichtigten. Und er weist nach, dass die alten Seilschaften bestens funktionieren: Wladimir Putin, in den 1980er-Jahren KGB-Agent in Ostdeutschland, und der Nordstream-Manager Matthias Warnig, der zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Aufsichtsrat des russischen Ölriesen Rosneft sitzt, damals Mitarbeiter der Stasi, haben nichts von ihren Geheimdienstmethoden verlernt, wenn es darum geht, durch Erpressung, Bestechung und getürkte Gutachten ihre Interessen durchzusetzen.
 
Gier, Gas und Geld zeigt, wer bei Nordstream die Fäden zieht, wer an diesem Billionengeschäft mitverdient und wie Putins Netzwerk die Europäische Union spalten und unter russische Kontrolle bringen will.
 
• Nordstream 1 und 2: die geheime Lobbyarbeit von Putin, Gazprom & Co.
• Schwarzgeld und Spione: Jens Høvsgaard deckt auf, wie mit Geheimdienstmethoden das größte Energieprojekt in der EU durchgesetzt werden soll
• Neue Fakten über die Beeinflussung deutscher und europäischer Spitzenpolitiker
• Intensive Medien- und Pressearbeit
 
»Plötzlich war es, als befände ich mich mitten in einem Spionagethriller von John le Carré.«
Jens Høvsgaard über seine Recherchen zu Nordstream 1 und 2
 
Es kommt nur selten vor, dass ein Journalist gebeten wird, im Europaparlament über seine Recherchen zu berichten und daraufhin von ausländischen Nachrichtendiensten kontaktiert wird, die nur über kryptierte Chatsysteme kommunizieren wollen. Doch genau das ist Ihnen passiert, als Sie sich mit der russischen Gaspipeline Nordstream befasst haben. Wie kam es dazu?
Bereits eine Woche, bevor mein Buch in Dänemark erschien, waren Teile davon ins Russische übersetzt und im Internet zugänglich gemacht worden. Seitdem werde ich von Leuten kontaktiert, mit denen man normalerweise kaum in Berührung kommt. Ich bin schon früher mit starken Reaktionen konfrontiert worden, wenn ich Bücher oder Dokumentationen über die kriminelle Unterwelt und deren Verbindungen zur Spitze der Gesellschaft herausgegeben habe, doch bei Gier, Gas und Geld wurde ich plötzlich in ein politisches Machtspiel verwickelt, bei dem alle befürchteten, dass die beiden russischen Geheimdienste FSB und GRU mithörten. Daher forderte man mich auf, mir kryptierte Mail- und Telefonverbindungen zuzulegen.
 
Das klingt fast wie aus einem Spionagethriller zu Zeiten des Kalten Krieges, und ihr Buch liest sich auch so. Sie erzählen von der Bestechung von Politikern und Verwaltungsbeamten, der Verfolgung und Einschüchterung von Kritikern und der sogenannten Honigfalle – bei der jemand verführt, dabei gefilmt und danach dadurch erpresst wird. Gibt es so etwas heute tatsächlich noch?
Ja, leider ist das, was ich im Buch dokumentiere, die ungeschminkte Wahrheit. Russlands Präsident Putin, der die volle Kontrolle über den russischen Energiegiganten Gazprom und deren Tochtergesellschaft Nordstream hat, und der Geschäftsführer von Nordstream, Matthias Warnig, waren während des Kalten Krieges beide Geheimagenten in Dresden. Putin war dort für den KGB stationiert, während Warnig Stasi-Offizier war, und keiner der beiden hat seine alten Fähigkeiten vergessen. Und wenn man sich mit Kritikern des Projekts auseinandersetzen muss, werden die alten Geheimdienstdisziplinen Drohung, Einschüchterung und Bestechung angewendet.
 
Aber wie passt das dazu, dass Gerhard Schröder, Aufsichtsratsvorsitzender von Nordstream, Wladimir Putin einen waschechten Demokraten und Nordstream ein rein kommerzielles Projekt nennt, das ins Leben gerufen wurde, um die Gasversorgung in Deutschland sicherzustellen?
Das passt überhaupt nicht zusammen. Die wenigsten, die Putin und seine Art zu regieren kennen, werden Schröder recht geben. Russland ist ein totalitäres Regime, in dem hart gegen Kritiker und Andersdenkende vorgegangen wird. Und Nordstream ist keineswegs ein kommerzielles Projekt. Wäre es das, dann hätte man es schon vor langer Zeit auf Eis gelegt.
 
Worauf führen Sie das zurück?
Dieses Projekt ist schlicht und einfach weder notwendig noch rentabel. Der Verbrauch von Naturgas ist rückläufig, und in den kommenden Jahren werden alternative Energieformen den Bedarf an Naturgas in Deutschland und dem Rest der EU weiter reduzieren. Die Mengen, die jetzt und in Zukunft noch benötigt werden, könnte man mit Leichtigkeit durch die bereits existierenden Leitungen zwischen den russischen Gasfeldern und der EU transportieren. Aber die sichere Versorgung der EU mit Naturgas ist auch nicht der eigentliche Zweck von Nordstream. Die Gasleitung ist eine politische Waffe, für Russland und eine persönliche Gelddruckmaschine für den Kreis um Wladimir Putin.
 
Inwiefern ist es eine politische Waffe, und wie wird sie eingesetzt?
Putin träumt davon, Russland wieder zu einer Großmacht zu machen. Daher wünscht er sich eine schwache EU, die vom russischen Gas abhängig ist. Wenn Deutschland dabei mitmacht, schwächt das den Zusammenhalt innerhalb der EU. Vor allem für die früheren Ostblockländer Polen, Estland, Lettland und Litauen sowie die nordischen Länder Schweden Finnland und Dänemark bedeutet das mehr Unsicherheit in Hinblick auf ein gestärktes Russland. Am unmittelbarsten ist jedoch die Ukraine betroffen. Heute wird ein Teil des Gases, das in deutschen Heizkörpern landet, durch die Ukraine transportiert, die von den Transit-Einnahmen abhängig ist. Wird Nordstream vollständig ausgebaut, kann Putin der Ukraine den Gashahn abdrehen. Und er hat bereits gezeigt, dass er dazu bereit ist. Schon zwei Mal hat er der Ukraine während der kalten Januarmonate das Gas abgestellt. Doch da wurde er rasch gezwungen, die Versorgung wiederherzustellen, da die Schikane sich auch in einer ganzen Reihe von EU-Ländern bemerkbar machte. Wenn Nordstream fertig ausgebaut ist und ein Lieferabkommen mit Deutschland abgeschlossen wird, herrscht Gazprom über mehr als ein Drittel des Naturgasverbrauchs der EU, und Putin kann den Gashahn für die Ukraine zudrehen, so weit und so lange er will.
 
Sie sagen, dass Nordstream eine Gelddruckmaschine sei, obwohl sie gleichzeitig behaupten, das Unternehmen sei nicht rentabel. Wie ist das möglich?
Normalerweise versucht eine Gesellschaft, so viele Einnahmen wie möglich für ihre Aktionäre zu generieren. Doch bei Nordstream und Gazprom ist das anders. Beide Gesellschaften gehören dem russischen Staat – mit anderen Worten dem russischen Volk –, doch weder das Finanzamt noch die Bürger ziehen irgendeinen Nutzen aus dem Projekt. Das tut nur der enge Kreis um Putin. Zum Beispiel sein Judo- und Jugendfreund Arkady Rotenberg. Sein Vermögen beläuft sich auf 2,1 Milliarden Euro. Einen Teil davon hat er damit verdient, dass er Nordstream Gasleitungen für das Dreifache des Marktpreises verkauft hat. Die sogenannten Paradise-Papers haben offengelegt, dass ein Teil des vielen Geldes in Steueroasen wie den Kaiman-Inseln liegt, während andere Spuren darauf hinweisen, dass Gelder des heute von Sanktionen betroffenen Russen auch in teuren Immobilien in Berlin und Frankfurt investiert wurden.
 
Wieso lässt sich Gerhard Schröder dann dort einstellen und wie können sich große deutsche Gesellschaften wie BASF, Wintershall und Uniper oder die österreichische OMV an dem Projekt beteiligen?
Es ist schlicht ein gutes Geschäft, sowohl für den früheren Kanzler als auch für die großen Betriebe, die mit an Putins Tisch sitzen. Die deutsche Wirtschaft hat sehr viel Geld durch russisches Naturgas und die damit verbundenen Wirtschaftszweige verdient. Daher bieten sich sowohl die großen Betriebe als auch Gerhard Schröder als willige Lobbyisten für Putin an – auch in Situationen, in denen der russische Präsident Menschenrechte verletzt oder die Souveränität anderer Länder missachtet.
 
Was Sie berichten, klingt unglaublich. Wie dokumentieren Sie das?
Nicht viele der involvierten Parteien waren bereit, mit mir zu sprechen. Daher musste ich andere, alternative Quellen heranziehen, um zu beweisen, dass am Grunde der Ostsee etwas faul ist. Ich bekam Einsicht in das Material von fünf Staatsministerien in Dänemark, Berichte und Stellungnahmen aus fast allen involvierten Ostseeanrainerstaaten, Zugang zu vertraulichen EU-Dokumenten, veröffentlichten Telegrammen zwischen dem amerikanischen Außenministerium und seinen Botschaftern in Russland, Deutschland, Polen und Skandinavien. Ich brauchte viel Geduld, um Stück für Stück das Puzzle zusammenzusetzen, wie Schröder und Warnig zusammen mit Putin die Zukunft Deutschlands und der EU aufs Spiel setzen.