Anne Siegel

Señora Gerta

Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste

208 Seiten + 16 Seiten Farbbildteil, gebunden mit Schutzumschlag, 13,7 × 21,7 cm


18,99 € (D) / 19,60 € (A)
ISBN 978-3- 95890-051-6

Spannender als jeder Roman: Die unglaubliche Lebensgeschichte der 100-jährigen Gerta Stern

Eine Frau, die in einer aussichtslosen Situation ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, um die Liebe ihres Lebens vor der Gestapo zu retten, und dabei in einem Deutschen einen unerwarteten Helfer findet.
 
Ein wahres Abenteuer von großer Liebe, grenzenloser Unerschrockenheit und selbstlosem Heldenmut: Gertas Leben verspricht Ruhm und Reichtum. Als Tochter einer der bekanntesten jüdischen Familien Österreichs avanciert die Schauspielerin zum IT-Girl im Wien der 20er-Jahre. Mit der Heirat des Profifußballers Moses Stern scheint ihr Glück vollkommen. Doch angesichts der wachsenden antijüdischen Stimmung beschließt das junge Paar, Österreich zu verlassen. In Hamburg warten sie verzweifelt auf das Eintreffen ihrer Visa nach Südafrika, da wird Moses verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt.
 
Todesmutig marschiert Gerta ins Gestapo-Hauptquartier. Zu allem entschlossen setzt sie ein, was ihr geblieben ist: ihr Schauspieltalent! Während Moses schwer verletzt aus dem KZ freikommt, findet Gerta aus Versehen einen Komplizen, der sich nach außen als Nazi gibt. Herr Otto von der Shipping Company »Norddeutscher Lloyd« riskiert sein Leben, um Gertas und Moses' Flucht nach Panama vorzubereiten. Heute ist »Señora Gerta«, wie sie in Panama City ehrfürchtig genannt wird, die wohl quicklebendigste 100-Jährige der Welt. Und die Journalistin Anne Siegel hat ihr ein ungewöhnliches Geschenk gemacht: In monatelanger Recherche spürte sie die Identität des hochgewachsenen Deutschen auf, den Gerta nach ihrer erfolgreichen Flucht all die Jahre gesucht hatte.
 
Anne Siegel über ihre Arbeit, ihre Kindheit  auf dem Land und die große Sehnsucht nach der Ferne im DOPPELKOPF des HR https://soundcloud.com/theannesiegel/anne-siegel-im-interview-im-hr2-doppelkopf

Heute Mittag - Gerta Stern im Portrait beim ORF https://vimeo.com/197380944  
[caption id="attachment_3575" align="alignnone" width="450"]© Désirée von Trotha © Désirée von Trotha[/caption] [caption id="attachment_5226" align="alignnone" width="449"] © Rohwer Deutsche Botschaft Panama[/caption]
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Im Gespräch mit Gerta Stern: "Lernen von Gerta" - typische Wiener Eigenheiten

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» Dieses Furchtlose, ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich hatte es schon als Kind.«    Gerta Stern im Interview mit Anne Siegel

Ihr Leben ist eng verbunden mit der europäischen Geschichte, aber in Europa quasi unbekannt, während sie in Panama beinahe jeder kennt. Ihr Mann, Moses, wurde während der Reichspogromnacht verschleppt.
Wir heirateten am 8. Oktober 1938, aber nicht mehr in der Synagoge, die waren in Wien zu diesem Zeitpunkt schon alle vernichtet. Meine Schwiegereltern wollten, dass wir so schnell wie möglich das Land verlassen. Meine Schwägerin lebte in Südafrika, und so hatten wir eine offizielle Einladung nach Johannesburg. Es war alles vorbereitet und bezahlt, wir sollten nur noch nach Deutschland fahren und im südafrikanischen Konsulat in Hamburg unsere Papiere holen. Am 9. November 1938 wurde mein Mann verhaftet, die Gestapo drang in unser Schlafzimmer ein, die Männer in ihren Uniformen rissen uns schreiend nachts aus dem Bett. Ich fiel vor den Gestapo-Leuten auf die Knie, aber es war zwecklos. Am Tag darauf war ich so verzweifelt, dass ich in alle noch offenen Botschaften ging, in der Hoffnung, irgendein Staat würde uns Juden noch aufnehmen, aber es war unmöglich. Und dann machte ich einen entscheidenden Fehler und klingelte an der falschen Tür. Als sie sich öffnete, stand plötzlich ein Mann mit einem großen Hakenkreuz an der Uniform vor mir. Ich erschrak, und er sagte: »Sind Sie Jüdin?« Plötzlich konnte ich nicht mehr lügen. Er bat mich hinein. Es war das Büro des orddeutschen Lloyd, einer Reederei, und dieser Mensch wurde mein Freund und Komplize. Ihm konnte ich mich anvertrauen. Er vermittelte mich an das Konsulat von Panama weiter. Niemand wusste, dass Panama noch Juden aufnahm.
 
Woher nahmen Sie den Mut, einfach ins Gestapo-Hauptquartier zu marschieren?
Inzwischen wusste ich den Vornamen des Herrn bei der Reederei, und da sagte ich: »Wissen Sie, Herr Otto, ich will etwas machen.« Er sah mich fragend an. »Was denn?« »Ich will versuchen, in dieses Gestapo-Gebäude zu gehen. Ich sehe da am Abend um halb acht immer noch Licht und die Leute arbeiten.« Herr Otto sah mich bestürzt an. »Nein«, rief er. »Sie werden dort nicht hingehen!«, aber ich war einmal Schauspielerin und wusste, dass es in dieser Situation meine einzige Chance war. Herr Otto meinte, man werde mich auch noch wie meinen Mann in ein Konzentrationslager stecken, aber ich war unbeirrt. Dieses Furchtlose, ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich hatte es schon als Kind.
 
Ihr Fluchthelfer nahm ein großes Risiko auf sich, um Ihnen und Ihrem Mann zu helfen.
Mein Mann kam schließlich schwer verletzt frei, und der Herr von der Reederei schleuste uns heimlich auf eines seiner Schiffe. Auf sein Geheiß hin hielt das Schiff mitten in der Nacht an der Küste vor der Bretagne, und wir wurden in einem kleinen Ruderboot an Bord gebracht. Ohne ihn wären wir nicht mehr entkommen, und das alles nur, weil ich mich in der Tür geirrt hatte.