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Der Schrei des Schweigens

Mein Leben für die Freiheit in Russland

19,90 €
Enthält 7% MwSt.
zzgl. Versand

220 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
13,7 × 21,7 cm

Erscheint im März 2018

Art.-Nr.: 978-3-95890-159-9 Kategorie: auch als ebook erhältlich
Preis: 19,90 € (D) / 20,50 € (A)
Autoren: Ildar Dadin, Birgit Virnich
Verlag: Europa Verlag

Immer wieder führt Ildar Dadins Weg im Jahr 2014 vor den Kreml. Still, aber beharrlich hält er dort Mahnwache gegen die aggressive Außenpolitik Russlands und den Krieg in der Ukraine – selbstgemalte Plakate mit der Aufschrift »Putin – eine Schande für Russland« oder »Heute Kiew – morgen Moskau« in der Hand. Es ist ein einsamer Protest, denn unter dem Eindruck der Ukraine-Krise hat die russische Regierung selbst friedliche Demonstrationen verboten. Mehrfach wird Dadin verhaftet, bis die russische Justiz ein abschreckendes Exempel an dem jungen Mann statuiert.

Dadin wird zu drei Jahren Lagerhaft in der berüchtigten Strafkolonie IK-7 verurteilt, in der auch Putin-Erzfeind Michael Chodorkowski einsaß. Als er nach monatelanger systematischer Folterung zu zerbrechen droht, berichtet er in einem heimlichen Brief an seine Frau über die Zustände im Lager. Sie soll seine Zeilen veröffentlichen, obwohl ihn das in größte Lebensgefahr bringt. Als seine Gefängnisnotizen im Internet auftauchen, schaltet sich wenig später die Weltpresse im Fall Dadin ein. Ermutigt durch die internationale Unterstützung, reicht der Aktivist vom gefürchtetsten Straflager Russlands aus Klage gegen seine Inhaftierung ein. Und im Februar 2017 geschieht das Unvorstellbare: Dadin erzwingt nicht nur seine Freilassung, sondern auch die Überarbeitung jenes Paragrafen, der ihn ein Jahr zuvor hinter Gitter brachte. In seinem mit Spannung erwarteten Buch berichtet Ildar Dadin erstmals ausführlich von seinem Martyrium im Arbeitslager und gibt tiefe Einblicke in die politische Situation Russlands sowie die erschütternde Menschenrechtslage in seiner Heimat.

• Dadins Inhaftierung empörte die Weltöffentlichkeit
• Die russischen Präsidentschaftswahlen und die Fußballweltmeisterschaft 2018 garantieren intensive Berichterstattung in Printmedien und TV
• Internationales Medieninteresse an Ildar Dadin, u.a. von The Guardian, New York Times, Washington Post, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit u.v.m.
• Pressekonferenz mit Ildar Dadin zum Erscheinen geplant
• Für die Leser von Blain Harden (Flucht aus Lager 14) und Raif Badawi (1000 Peitschenhiebe)

Welche Atmosphäre herrschte 2014 in Ihrer Heimat, als Sie mit den Mahnwachen vor dem Kreml begannen?

Als die Ukrainer 2014 gegen das korrupte Janukowitsch-Regime aufbegehrten, verbrachte ich einige Wochen an der Seite junger ukrainischer Aktivisten auf dem Majdan. Ich bewunderte ihren Mut und ihre Ausdauer. Auch in meiner Heimat war der Unmut gegen die korrupten Eliten Russlands groß. Doch plötzlich schlug die Stimmung um. Fast flächendeckend bejubelten meine Landsleute die Annektierung der Krim. Sie feierten prorussische Separatisten als Helden und glaubten der Staatspropaganda, die die Revolution auf dem Majdan als ein Machwerk faschistischer Nationalisten darstellte. Zurück in Moskau, machte ich weiter. Da Demonstrationen ab Juli 2014 so gut wie gar nicht mehr zugelassen wurden, hielt ich immer wieder alleine vor dem Kreml Mahnwachen mit Plakaten gegen die aggressive Außenpolitik Russlands und den Krieg in der Ukraine. Oft stand ich nur da, ganz still. Ich bin kein Mann der großen Worte, eher ein stiller Zeitgenosse. Doch allein meine Anwesenheit provozierte sie. Immer wieder nahmen sie mich fest, obwohl ich eigentlich nichts Verbotenes getan hatte. Es ist das Recht eines jeden Russen, seine Meinung öffentlich kundzutun.

Sie wurden wegen mehrfachen Verstoßes gegen Artikel 212.1 zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt. Was hat es mit dem Paragrafen auf sich?

Im Juli 2014 hat die russische Regierung das Versammlungsrecht verschärft. Nach Artikel 212.1 waren auch friedliche Demonstrationen und Proteste verboten. »Wiederholtes Verstoßen« gegen das Versammlungsrecht wurde nun als kriminelle Tat eingestuft und mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren Haft belegt. Früher wäre man mit einer Geldbuße davongekommen. In gewisser Weise ist der Artikel ein Seismograf für die Nervosität des russischen Regimes, die seit den Massenprotesten in russischen Großstädten 2012 rund um die Wiederwahl Putins offenbar groß ist und nach dem Majdan in der Ukraine noch weiter zugenommen hat. Ich war der Erste, der nach dem neuen, eingeschränkten Demonstrationsrecht wegen friedlicher Proteste verurteilt wurde. Das Urteil signalisierte allen: »Es kann jeden treffen! Verhaltet euch ruhig, fallt lieber nicht auf!«

Sie saßen vier Monate in einem der berüchtigtsten Straflager Russlands. Wie haben Sie diese Zeit überstanden?

Im Straflager IK-7 werden unliebsame Kritiker weggesperrt. Auch der Putin-Gegner Chodorkowski saß hier ein. Es geht dort zu wie im Gulag. Wir Insassen hatten nur eine Stunde Licht am Tag. Bei Minusgraden und eisigem Wind war es in der Zelle unerträglich. Ich hatte nur ein dünnes Gefängnisgewand an. Alle meine persönlichen Sachen musste ich abgeben. Nachts lag ich mit fürchterlichen Schmerzen unter der Decke und bibberte vor Kälte. Mein Körper war zuweilen übersät von Blutergüssen. Die täglichen Prügel und Erniedrigungen waren nur schwer zu ertragen und ließen mich irgendwann an Selbstmord denken. Doch dann nahm ich all meinen Mut zusammen, schrieb einen Brief an meine Frau Anastasia und steckte ihn meinem Anwalt zu, entgegen dessen Warnung. Darin beschrieb ich die Zustände im Lager. Ich flehte sie an, diese Zeilen zu veröffentlichen, weil ich das nicht mehr lange aushalten würde. Wir wussten: So ein Brief kann ein Todesurteil sein, da sie einen umbringen, oder aber alles wird gut. In den russischen Medien wurde ich als Simulant abgetan. Man habe keine Spuren von Misshandlungen an meinem Körper festgestellt. Meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Doch dann hörte ich plötzlich, dass Amnesty International meine Freilassung forderte. Zeitungen wie The Guardian und die Washington Post schrieben über mich. Die Kommentatoren fühlten sich an Solschenyzins Archipel Gulag und Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch erinnert. Es sei aber weder Historie noch Fiktion, erklärten sie, sondern die bittere Realität des Jahres 2016 im Lager IK-7.

Später hebelten Sie sogar den umstrittenen Artikel 212.1 aus …

Letztlich rettete mich die Öffentlichkeit. Im Dezember 2016 wurde ich in die Strafkolonie IK-5 ins Altai-Gebiet verlegt. Dort wurde ich zumindest nicht mehr geschlagen, wenngleich das Leben dort ähnlich elend war. Dann erklärte mir mein Anwalt, dass mein Verfahren neu aufgerollt würde. Der Artikel 212.1, der die Teilnahme an nicht genehmigten Veranstaltungen unter Strafe stellte, musste neu formuliert werden, so das Oberste Russische Gericht. Ich hatte es tatsächlich geschafft, die russische Strafgesetzgebung zu verändern.

Wie sehen Sie die Zukunft Russlands?

Im März 2017 gingen über 60 000 Menschen in mehr als 70 Städten auf die Straße, um gegen Korruption in ihrem Land zu demonstrieren. Es sind die größten Proteste in Russland seit 2012. Ihre Kritik richtet sich generell gegen die korrupten Eliten in Russland und vor allem gegen Premierminister Medwedew. Ihm wird vorgeworfen, er habe sich persönlich bereichert. Ausgerechnet der Mann, der einst versprochen hatte, gegen Korruption vorzugehen. Kreml-Sprecher Peskow nennt die Proteste eine Provokation. Unter den Demonstranten seien auch »bezahlte Teenager« gewesen. Die Jugendlichen wehren sich jedoch entschieden dagegen. Wir alle machen deutlich, dass wir dort waren, um Antworten auf unsere Fragen zu fordern. Bis heute hat sich die Regierung nicht zu den Vorwürfen geäußert. Ich bin sicher, dass sich Russlands Jugend nicht mundtot machen lässt, auch wenn die Regierung gerade vor nichts zurückschreckt und versucht, Teilnehmer der Proteste massiv einzuschüchtern. Wir stehen vor einem Wahljahr. Und es ist völlig offen, welche Entscheidung es bringen wird.

Es stehen zur Zeit noch keine Pressestimmen zur Verfügung.
Noch keine Veranstaltung geplant.

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