Oliver Becker Fotografie Berlin© Oliver Becker Fotografie Berlin

Thore D. Hansen

Silent Control ist der Beleg: Wer wissen wollte, was die NSA seit Jahren macht, hätte es wissen können. Ein hervorragend recherchierter Thriller, der die Affäre Snowden vorweggenommen hat.

Elmar Theveßen I Stellvertretender Chefredakteur ZDF

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Thore D. Hansen, Politikwissenschaftler und Soziologe, arbeitete erfolgreich als Wirtschaftsjournalist und Kommunikationsberater. Der Spezialist für internationale Politik und Geheimdienstarbeit ist gefragter Experte in den Medien, freier Autor und setzt sich mit den ungeklärten und geheimen Aspekten von Kultur- und Zeitgeschichte auseinander, um diese belletristisch zu verarbeiten.

INTERVIEW MIT THORE D. HANSEN

Herr Hansen, wie kam Ihnen die Idee, das brisante Thema Finanzcrash in einen Thriller zu verpacken?

Neben meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist habe ich während und nach dem Ausbruch der Finanzkrise zwei europäische Banken beraten. Die Weigerung des Managements, Verantwortung zu übernehmen, die Arroganz und die Gier, das fast sektenhafte Verhalten dort sowie der unglaubliche Druck auf die Mitarbeiter: Das alles hat mich enorm beeindruckt. Ich hatte auch Kontakt zu einem Hedgefonds-Manager, der durch die Krise mehr als 500 Millionen Dollar verloren hat und sich seither nach Vergeltung sehnt. Es gibt also auch wohlhabende Opfer der Manipulationen am Markt, und die Betroffenen geben gerne preis, was sie wissen. Täter und Opfer in dieser Liga der Finanzoligarchie vereint aber eines: die Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Zehntausenden Kunden, denen diese Banken massiv geschadet haben und weiter schaden.

Als dann im Januar 2014 mehr als 20 Bankmanager weltweit in kürzester Zeit Selbstmord begingen, hatte ich quasi die Steilvorlage, denn einige dieser Selbstmorde sind bis heute nicht aufgeklärt und geben Anlass zu wildesten Spekulationen. Im Augenblick braut sich am Markt die größte Blase aller Zeiten zusammen.

Welche konkreten Bedrohungen, die in Ihrem Roman eine Rolle spielen, sehen Sie derzeit für die Weltwirtschaft?

Es gelingt der Politik nicht, die entfesselte Gier zu bändigen. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, dann breitet sich in unseren Gesellschaften eine derartige soziale Unruhe aus, dass die Regierungen größte Mühe haben werden, ihre Länder noch zu regieren. Etliche prominente Sachbuchautoren prognostizieren ja bereits das Ende des Kapitalismus. Ich treibe das in »Quantum Dawn« auf die logische und unvermeidliche Spitze: Indem ich die technischen Gefahren, in der die Weltbörsen durch ihre Vernetzung schweben, mit den Möglichkeiten einer Panikreaktion durch die Manipulation der Medien und den realen Zahlen der Weltwirtschaft sowie den Hintergründen der Finanzkrise verknüpfe, entsteht ein Kaskadeneffekt, der jederzeit eintreten kann. Das ergeben nicht nur meine Recherchen, das haben mir auch Insider bestätigt.

Die Verflechtung der internationalen Konzerne und Banken zu Finanzriesen wie BlackRock, KKR und anderen Playern, die uns mit Insiderwissen und Kumpanei an den Rand des Kollaps bringen, ist ein idealer Stoff für einen Thriller. Die Politik steht weiter hilflos da und bezeichnet alles als alternativlos. Das Ganze ist größtenteils in seinen Einzelheiten bekannt, aber wir leben in einer Traumblase, die jederzeit platzen kann.

Wo steht der Kapitalismus heute?

Für mich gleicht der Kapitalismus, der sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelt hat, heute einer feudalen Struktur. Nicht mehr der Staat ist für die Demokratie und Freiheit die größte Bedrohung, sondern Aktiengesellschaften, Technologie, das Internet und geheime Algorithmen. Aber auch die Menschen – die Konsumenten und ihre überwiegend stille Selbstzensur – sind das Problem. An diesem Verhalten droht auch eine meiner Hauptfiguren zu scheitern, während eine andere Figur diese Zeit durch ihren hedonistischen Lebensstil und Zynismus zu verarbeiten sucht. Das System produziert entweder Mitläufer oder gebrochene Biografien. Es braucht heute keine offene Diktatur mehr.
Die Angst vor sozialem Abstieg ist so groß, dass jeder weitermacht bis zum bitteren Ende.

Es war mir wichtig zu zeigen, wie sich die entkoppelten Mächte des Geldes auf uns auswirken und was es bedeutet, wenn wir uns diesen Tatsachen nicht zuwenden und auf ein »Es geht schon irgendwie weiter so!« setzen. Mich erinnert das an den Niedergang des Römischen Reiches. Wie schnell und atemlos unser System zusammenstürzen kann, wollte ich in einen Thriller packen, einen Thriller, den die Realität schreibt.

Halten Sie das Szenario Ihres Thrillers für realistisch?

Ich habe nicht umsonst in dem Buch alle relevanten Player beim Namen genannt, und zu 80 Prozent besteht dieser Thriller aus bereits veröffentlichten Fakten. Die Mischung aus Staatsschulden, fragiler Weltwirtschaft, überbewerteten Aktien und geschürten Krisen, die Angreifbarkeit von vernetzten Börsen durch Hacker und nicht zuletzt die Unfähigkeit der Verantwortlichen, sich das Primat der Politik zurückzuerobern, das alles ist ja keine Fiktion. Die Implosion ist jederzeit möglich, und mit der Meinung stehe ich weiß Gott nicht alleine da. Meine Aufgabe als Autor sah ich darin, daraus einen spannenden Lesestoff mit ebenso spannenden Figuren zu entwickeln.

Was ist die Ursache für diese düstere Prognose?

Sie ist nicht nur düster. Je mehr Menschen sich dessen bewusst werden, desto besser sind wir auf eine postkapitalistische Gesellschaft vorbereitet. Für die Figur Rebecca Winter, eine unverbesserliche Idealistin, wird die Begegnung mit dem BND-Agenten Erik Feg zu einer Reise in den Abgrund der globalen Machtverhältnisse, und sie wird gezwungen, ihr Rechtsverständnis infrage zu stellen, ja sogar Morde hinzunehmen, da sie erkennen muss, dass der Staat, dem sie dient, nicht die Interessen verfolgt, die sie selbst antreiben. Eine der Ursachen für den Niedergang des Kapitalismus liegt, so merkwürdig es sich zunächst anhört, eben gerade im Zusammenbruch des Kommunismus. Ab diesem Zeitpunkt hat man alles den freien Märkten überlassen, da man den Kapitalismus für das überlegene System hielt. Nun bekommen alle dafür die Quittung.

Entweder es kommt 2015 oder 2016 zu einem schnellen großen Knall oder aber zu einem Dahinsiechen, indem immer mehr Menschen quasi schleichend enteignet werden und sich der Mittelstand zu einer neuen Art von Proletariat mit allerdings hohem Bildungsniveau entwickelt. Dieser Entwicklung stellt sich in »Quantum Dawn« ein geheimer Zirkel entgegen.

Rund um die Welt wurden nach 1986 die Kontrollen gelockert, die Banker reich, und die Unternehmen schoben mithilfe der Banken 580 Billionen Dollar am Fiskus vorbei. Es wäre sinnvoller, die Armeen der Welt vor den Bahamas, den Cayman-Inseln und anderen Steueroasen aufmarschieren zu lassen und das Raubgut von Banken und Unternehmen zu konfiszieren, dann wären alle Staatsschulden getilgt, aber genau das will niemand.

Solange die Wirtschaft auf Wachstum durch Verschuldung setzt und Institutionen wie die Weltbank und der IWF existieren, wird sich nichts ändern, und es kommt zum nächsten Crash, von dem wiederum wenige Auserwählte dank Insiderwissen profitieren. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Goldman Sachs und andere Player von der Lehman-Pleite überrascht waren.

Sie haben mit Ihrem vorigen Thriller Silent Control teilweise den NSA-Skandal vorhergesehen. Haben Sie keine Angst, dass auch das aktuelle Szenario eintreten
könnte?

Das ist mein Beruf: sich ein Jahr einzugraben und alles minutiös zu recherchieren und in ein denkbares Szenario zu verpacken, Figuren zu entwickeln, die unseren Zeitgeist widerspiegeln, und für Spannung zu sorgen.

Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass wir jetzt in einer Situation sind, wo alles in die Hände einer winzigen Minderheit geraten ist. Sie bilden eine abgehobene Super-Elite, die tun und lassen kann, was sie will.

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