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Thomas Gayda

Thomas Gayda ist im Kleinwalsertal aufgewachsen. Als Musikhistoriker spezialisierte er sich auf das Gebiet der Exilforschung und realisierte federführend die CD-Edition »Entartete Musik« für das Klassik-Label Decca. Damit trug er maßgeblich zur Wiederentdeckung vergessener Komponisten und deren Werke bei. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte und die Vorbereitung einer Ausstellung stieß Thomas Gayda auf die Tagebuchtexte François-Poncets, die nun durch sein Engagement den deutschen Lesern
zugänglich gemacht werden.

© privat

INTERVIEW MIT HERAUSGEBER
DR. THOMAS GAYDA

Herr Gayda, wer war André François-Poncet?

André
François-Poncet (1887–1978) war Diplomat, Germanist, Literat, die schillerndste
Figur auf Europas diplomatischem Parkett der Dreißigerjahre, ein überzeugter
Humanist und vor allem ein lebenslanger Bewunderer der deutschen Kultur. Von
1931 bis 1938 war er französischer Botschafter in Berlin, danach bis 1940
Botschafter in Rom. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er zum Hochkommissar für die
französisch besetzten Gebiete in Deutschland ernannt und war im Anschluss an
diese Mission Frankreichs erster Botschafter in Bonn.

Wovon erzählt er in seinem Tagebuch?

Er
führte dieses Tagebuch vom 27. August 1943 bis zum Tage seiner Befreiung am 2.
Mai 1945, »um diese einzigartige Episode seines Lebens festzuhalten «, als
sogenannter Ehrengefangener der Gestapo in Schloss Itter/Tirol und ab dem 24.
November 1943 im Ifen Hotel in Hirschegg im Kleinwalsertal. Neben menschelnden
»Alltäglichkeiten« mit Mitgefangenen und Bewachern schildert er sensibel seine
Eindrücke der laufenden Ereignisse des Krieges, soweit er darüber durch die
NS-Medien und das heimliche Hören der BBC Kenntnis erhielt. Als »homme de
lettres« finden sich auch literarische Exkurse über Stendhal, Chateaubriand und
andere Autoren, mit denen er die vielen Stunden füllte.

André François-Poncet wurde im Hotel Ifen interniert, was
ist das für ein Ort?

Das
Ifen Hotel wurde 1936 von Hans Kirchhoff erbaut und zählte damals zu den modernsten
Hotels im gesamten Alpenraum. Der Chef der Gestapo, Ernst Kaltenbrunner, hatte
es höchstpersönlich 1943 als Internierungsstätte requiriert. Unter dem
Decknamen »Walsertraum« wurden im Ifen Hotel zwischen 1943 und 1945 30 illustre
Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Aristokratie in »Geiselhaft«
genommen, über die André François-Poncet in seinem Tagebuch Auskunft gibt.

Wer wohnte noch in diesem Hotel, wer waren François-Poncets
Mitgefangene in diesem Luxuskerker?

Ein
namhafter Kreis: etwa Irene, Prinzessin von Griechenland, mit ihrem Sohn (die Mutter
war eine Schwester Kaiser Wilhelms II.), die Herzogin von Aosta mit ihren Töchtern,
Albert Sarraut (ehemaliger französischer Premierminister), Yves Bouthillier (ehemaliger
französischer Finanzminister), um nur einige zu nennen. Sie dienten den NS-Machthabern
in erster Linie als Geiseln, die im »Bedarfsfalle« ausgetauscht werden sollten.
Auch François-Poncet, der nie erfahren hatte, weshalb man ihn internierte, konnte
über den eigentlichen Grund seiner Gefangennahme nur mutmaßen. Besonders schmerzlich
war die Situation für die Familie. Zwar bestand über das Rote Kreuz Briefkontakt,
doch über den Aufenthaltsort wurde sie in Unkenntnis gehalten.

Welches Verhältnis hatte André François-Poncet zu Adolf
Hitler?

Während
François-Poncet dank seiner herausragenden Persönlichkeit imstande war, eine äußerst
instabile Regierung (Frankreich hatte zwischen 1933 und 1940 14 Kabinette!) nach
außen »stabil« zu vertreten, wurde er nicht zuletzt aufgrund seiner
diplomatischen Integrität von den NS-Machthabern gerne hofiert. »Er war der
einzige Diplomat, der bei Hitler Anklang fand«, so Ernst von Weizsäcker. André
François-Poncet gehörte zu jenen, die Hitler sehr früh durchschaut hatten und
in Depeschen den »Quai d’Órsay« (franz. Außenministerium) über die Aufrüstung
und wahren Absichten der Nazis informierte. Ab 1940 begegneten ihm die braunen
Machthaber mit Feindschaft und Argwohn.

Wie verlief seine Karriere nach dem 2. Weltkrieg?

Zunächst
schrieb er einige Bücher, in denen er seine Rolle als Zeitzeuge des Dritten
Reiches schilderte, wie etwa in
Als Botschafter in Berlin, 1931–1938 und
Von Versailles nach Potsdam, sowie Beiträge für den Figaro, bevor
er 1949 für den Posten des französischen Hochkommissars in der Bundesrepublik Deutschland
nominiert wurde. Mit dem offiziellen Ende des Besatzungsstatutes im Mai 1955
bekleidete er noch bis September das Amt des Botschafters in Bonn. 1952 wurde
er Mitglied der Académie Française und 1955 Präsident des französischen Roten
Kreuzes. In den Jahren von 1946 bis 1956 galt er als einer der wichtigsten
Architekten der deutsch-französischen 
Zusammenarbeit
und Verständigung.

Was macht André François-Poncets Tagebuch heute für uns historisch relevant?

André
François-Poncets präzise Charakterzeichnungen einzelner NS-Größen sowie die
sehr persönliche Einschätzung aktueller politischer wie kriegsrelevanter Ereignisse
sind von derart frappierender Weitsichtigkeit, dass man als Leser selbst sieben
Jahrzehnte später nur staunen kann.

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