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Peter Berling

Berling hat (…) etwas von einem homo universale, einem Universal-Menschen

Ijoma Mangold | Zeit online

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Peter Berling studierte Grafikdesign und wurde in den 1960er-Jahren als Filmproduzent unter anderem für Alexander Kluge und Klaus Lemke bekannt. Als einer der Ersten wurde er in München auf Rainer Werner Fassbinder aufmerksam, dessen frühe Filme er produzierte. Aus der Produzententätigkeit kam er zur Schauspielerei und wirkte als unverwechselbarer Charakterdarsteller in über 130 Filmen mit (u.a. bei Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Martin Scorsese).
Seit 1970 lebt Berling in Rom und widmet sich seit den 1990er-Jahren dem Schreiben historischer Romane. Ein großer Erfolg war sein Romanzyklus Die Kinder des Gral, der in über 20 Sprachen übersetzt wurde. Kultstatus haben seine über 100 Live-Interviews mit Alexander Kluge, bei denen Berling jeweils einen anderen fiktiven Charakter verkörpert.

»BEI
ALLEM GRAUEN BEDEUTET DIESE ZEIT FÜR MICH AUCH EIN GESCHENK DES ÜBER-LEBENS«

PETER
BERLING IM INTERVIEW

In Ihrem Roman
spielt die tragische Figur des Schriftstellers Otto Rahn eine wichtige Rolle, der
ja wirklich gelebt hat. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Der erste Roman, der mir als
Elfjährigem, gleich nach Kriegsschluss, in die Hände fiel, war Der Kreuzzug
gegen den Gral
. Seine Version der »Albigenser-Kriege«, also der Vernichtung
der Katharer zu Beginn des 13. Jahrhunderts, seine Hinweise auf den
historischen »Parsival«, haben mich zur Beschäftigung mit dem Mittelalter gebracht
und später zum Schreiben darüber. Deshalb habe ich mich immer wieder, schon bei
den Recherchen für meine Kinder des Gral mit Otto Rahns Leben und seinem
ungeklärten Tod beschäftigt.

Otto Rahn ist von allen historischen
Personen, die in meinem Roman vorkommen, wohl die tragischste. Ein junger
Homosexueller, charakterlich nicht sehr gefestigt in seinem Werdegang, auf der
einen Seite schwankend, auf der anderen mit geradezu fanatischer Hinwendung sich
für seine Ziele aufopfernd. Für ihn ist die Beschäftigung mit dem Gesamtkomplex
der Katharer nicht nur ein historisches Problem, sondern vor allem eines seiner
eigenen Verortung innerhalb religionsphilosophischer Fragen, wobei er, den
Zeitgeist widerspiegelnd, sich einer diffusen hellenistisch-germanischen Mythenwelt
verschreibt.

Dass er sich in die SS aufnehmen
lässt, sogar noch stolz darauf ist, zeigt, wie wenig er sich über seine eigene
Lebensposition Rechenschaft gibt. Seine Homosexualität ist von vornherein unvereinbar
mit den rigorosen Regeln des Schwarzen Ordens. Es fehlt ihm nicht an Zuneigung seitens
Himmlers, der ihn mehrfach zur »Umerziehung« in die KZs Dachau und Buchenwald
zum Wachpersonal abordnet. Himmler muss sich zum Schluss aus politischen Gründen
von Rahn der Form entsprechend trennen: d.h. »Nur der Tod soll uns scheiden!« Rahn
wird in den Selbstmord getrieben.

Der
Esoterik-Wahnsinn von Himmler und anderen Nazi-Führern, den Sie beschreiben, ist
unglaublich. Beruht das alles auf historischen Tatsachen?

Der »Esoterik-Wahnsinn«, eher die
Hinwendung zum Okkulten, ist ein Erbe vorangegangener Jahrhunderte in Europa.
Der Wahn kulminierte nach dem Ersten Weltkrieg und brachte z. B. mit der
»Thule-Gesellschaft« auch einen der geistigen Wegbereiter des
Nationalsozialismus hervor. Neben Heinrich Himmler waren vor allem auch Rudolf
Heß und Joseph Goebbels stark Astrologie-gläubig. Hitler weniger. Bei Reichsführer
Himmler ist der Hang fast eine Hörigkeit und mit Quellen belegt. Sein Empfang 1937
für den frz. »Polair« Gaston de Mengel oder die Aufnahme Otto Rahns in die SS sind
ja historische Tatsachen, genau wie die Einrichtung der Abteilung Ahnenerber in
der SS, in der der Runenwahrsager Willigut Weissthor dann wirkte.

Sehen Sie in Ihrem
Roman eine Art historischen Thriller?

Wenn der Roman durch die hoch
dramatischen Zeitumstände Thriller-Züge bekommen hat, ist das wohl der Epoche
geschuldet. Mir ging es vor allem darum, welche Sogwirkung der beginnende
Nationalsozialismus in Deutschland auch auf nahezu fast alle umliegenden Länder
hatte und wie hier vor allem auch junge Leute buchstäblich in diesen Aufbruch
hineingesogen, mitgerissen wurden. Ich fand es dabei interessant, es gerade am
Beispiel von jungen Menschen zu schildern, die keinen familiären Rückhalt
hatten, sondern – losgelöst von ihrer ursprünglichen Heimat – sich in diesen
Strudel hineinwarfen.

Wie entstand Ihre
Hauptfigur, der Chauffeur Max?

Der Name »Max« ist bei meinem
halbjüdischen Vater entlehnt. Ich stellte mir bei Beginn des Schreibens vor,
wie sein Leben hätte auch anders verlaufen können – oder wie mein eigenes
verlaufen wäre, wenn ich zehn, zwölf Jahre früher geboren wäre. Max ist zu
Beginn ein unpolitischer, im guten Sinne naiver Charakter, der in seine Zeit
hineinstolpert.

Ist dieser Max eine
Gestalt, mit der Sie sich selbst ein wenig identifizieren können?

An meiner eigenen Person, ich bin
Jahrgang 1934, konnte ich bereits erleben, wie die damalige Welt auf mich
wirkte und wie ich mich in ihr bewegte. Das war einmal ein bedingungsloses Abenteurertum,
das auch nicht von den unmittelbaren Kriegseinwirkungen beeindruckt wurde, in
diesem Fall pausenlose Bombardements bei Tag und Nacht und etliche
Tieffliegerattacken. Vom Wissen um die Leiden und das Grauen in den
Konzentrationslagern blieb ich verschont, total abgeschirmt, obgleich mein Großvater
namens »Berliner« Volljude war. Die Herrschaft der Nazis nahm ich als gegeben
hin, ich war mit ihr aufgewachsen, und gleich nach dem »lieben Gott« kam –
sitzend zur Rechten: »Der Führer«. Also habe ich »Max« auch meine Charakterzüge
gegeben, die jüdische Begriffe wie Chuzpe und das Vertrauen auf Massel einbeziehen.
Bis heute faszinieren mich erzählerisch unlautere, böse, zynische und grausame Charaktere
immer noch weitaus mehr als rechtschaffene und gute. In konsequenter Folge bewegt
sich Max vorsichtig bis feige im Umgang mit Stärkeren, lädt sich möglichst
wenig Verantwortung auf und laviert sich so durchs Leben. Auf der anderen Seite
lockt immer die Provokation einer intellektuellen Überheblichkeit, das
permanente Ausloten von Grenzen, die Sucht nach Unbekanntem. Das Böse stößt ihn
erst ab, wenn es sich in einer hässlichen, primitiven, unästhetischen Form
darbietet.

Kann man den
Wahnsinn dieser dunklen Epoche überhaupt in einem Unterhaltungsroman behandeln?

Je verrückter eine Epoche ist, umso
mehr bietet sich zu ihrer Beschreibung die erzählerische Form des Romans an.
Als Autor kann man nur dankbar sein, einen solchen Stoff behandeln zu dürfen,
zu können! Bei allem Grauen, Grausen, das eine derartige Zeit erzeugen muss,
bedeutet sie für mich, der ich sie als Kind erlebte, ein Faszinosum, auch ein
Geschenk, Geschenk des Erlebens, des Über-Lebens, des »Massel«-gehabt- Habens.
Das wäre die Widmung, die ich jenen Teilen meiner Familie, einer großen Familie
jüdischen Ursprungs, die zu Opfern wurden, mitgeben möchte.

»Es gäbe
zu diesem Peter Berling … noch viel zu erzählen. Er war (und ist) eine der interessantesten
Figuren und vielleicht die unbekannteste Berühmtheit der deutschen
Filmgeschichte, und meistens spielte er auch selber mit, natürlich ohne das
jemals gelernt zu haben. Aber Berling, der sich später zurückzog aus dem Filmgeschäft
und sich aufs Schreiben historischer Romane verlegte, Berling hat neulich seine
eigene Biografie geschrieben. Nur so viel hier: Peter Berling war groß, breit,
kräftig und hatte einen Hang zum guten Leben. Er tat jedem Film gut, an dem er
mitwirkte.«

Michael Ballhaus in Bilder
im Kopf – Die Geschichte meines Lebens

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