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Hans Ulrich Abshagen

Detailliert erzählt er Gedanken und Gefühle eines Jugendlichen im Krieg. Selten ist dies so überzeugend und packend dargestellt worden. Und am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Er sei politisch ahnungslos gewesen, weil er zu wenig Fragen gestellt habe.

Ute Christine Krupp | Deutschlandradio Kultur

Bücher:

Hans Ulrich Abshagen, Jahrgang 1926, studierte Sprachen und Philosophie und promovierte über amerikanische Literatur. Über 40 Jahre lang war er als Geschäftsführer verschiedener Industrie- und Handelsgesellschaften und Aufsichtsratsvorsitzender von Aktiengesellschaften tätig. Er leitete Trainingsseminare für Aufsichtsräte und schrieb Fachbücher für Führungskräfte. Der Autor lebt in Berlin.

Warum haben Sie sich 1944 freiwillig für den Einsatz an der
Ostfront gemeldet?

Ich wollte U-Boot-Kapitän werden. Doch bei der Marine wurde ich
abgelehnt, weil die Sehfähigkeit meiner Augen nicht den erforderlichen hundert
Prozent entsprach. Ich erinnerte mich an den Satz von Gneisenau, den ich oft
von meinem Vater gehört hatte: »Die Infanterie trägt die schwerste Last des
Kampfes; darum gebührt ihr auch der höchste Ruhm!« So bewarb ich mich, aktiver
Infanterieoffizier zu werden. Ich war in ein Mädchen verliebt. Für sie wollte
ich Heldentaten vollbringen.

 

Sie waren erst 17 Jahre alt. Hatten Sie keine Angst zu sterben?

Nein. Meine damalige Haltung zu Leben und Tod ist mir heute noch
ein Rätsel. Wir dachten nur an Kämpfen und Siegen, an die Rettung unseres
Vaterlandes, nicht aber an den möglichen eigenen Tod. Der betraf immer nur
andere, nicht einen selbst. Deshalb hatten wir auch keine Angst. Natürlich
lernten wir, im Kampf vorsichtig zu sein. Aber über den eigenen Tod haben wir –
zumindest ich – nicht nachgedacht. Mein Traum war, dass ich nach dem Krieg als
Held nach Hause zurückkehre.

Ihr Vater war in die Verschwörung des 20. Juli verwickelt. Wie
haben Sie sich in dem Moment gefühlt, als Sie davon erfahren haben?

Mein Vater wünschte, dass zu Hause nicht über Politik gesprochen
wird. Er meinte, in der Schule und der Hitler-Jugend wären genug Platz und Zeit
dafür, und ich wollte diesem Gebot nicht widersprechen. Als ich nach dem Krieg
erfuhr, dass mein Vater im Widerstand gegen Hitler tätig war, wollte ich das
zunächst nicht glauben. Nach seiner Verhaftung wurde mir aber klar, dass er
seinen Kindern und meines Erachtens sogar seiner Ehefrau von dieser Tätigkeit nichts
erzählt hatte, um seine Familie im Notfall vor der Verfolgung durch die Nazis
zu schützen. Das hat meinen Respekt und meine Zuneigung zu ihm noch weiter
verstärkt.

 

Gab es den Moment, in dem Sie genau wussten, dass der Krieg für
Deutschland verloren ist?

Während meiner aktiven Tätigkeit im Deutschen Jungvolk und als
Offiziersanwärter in der Wehrmacht gehörte ich zu denjenigen, die bis zuletzt
an den deutschen Endsieg glaubten. Als ich in russischer Gefangenschaft von den
furchtbaren Gräueltaten der Nazis erfuhr, war meine erste Reaktion, dass die
Sowjets ihre Gefangenen mit diesen Lügen bestrafen wollen. Erst als ich auch
amerikanische Radiosender hören konnte, wurde mir allmählich klar, welche
ungeheuren, ja undenkbaren Verbrechen im Volk der Dichter und Denker begangen
wurden. Diese von mir für unmöglich gehaltene Wirklichkeit verfolgt mich bis
heute.

Welches Ereignis aus den Fronttagen hat Sie am nachhaltigsten
geprägt?

Ich war hinter der deutsch-russischen Front zusammen mit anderen
deutschen Soldaten eingekesselt. In einer Feuerpause gelang es uns, zu fliehen.
Plötzlich wurde unsere kleine Gruppe von sowjetischen Soldaten umringt. Die
Russen hatten ihre Waffen auf uns gerichtet. Wir lagen zitternd am Boden und
hofften, nicht getötet zu werden. Endlich wurden wir aufgefordert, aufzustehen
und uns mit erhobenen Händen zu ergeben. Meine Kameraden waren klug genug
gewesen, vor der Flucht ihre deutschen Orden wegzuwerfen. Als ich von einem
Russen abgetastet wurde, entdeckte er unter meinem Mantel ein Ordensband. Mein
deutscher Nachbar zischte mir zu: »Idiot! Dein blödes Band! Jetzt wirste
umgelegt!« Mit dem Lauf des Maschinengewehrs im Rücken wurde ich zu einem
Offizier geführt, der

mich in fließendem Deutsch ansprach:

»Was ist das für ein Orden?«

Ich antwortete: »Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern.«

»Wofür?«

»Abschuss eines englischen Bombers bei der Flak in Berlin.«

»Machen Sie Ihr Ordensband ab!«

Ich riss das Band ab und steckte es in die Tasche.

»Nein! Werfen Sie es weg! Sonst kriegen Sie bei uns Probleme!«

Bis zum heutigen Tage weiß ich: Dieser Russe hat mir das Leben
gerettet. Nie werde ich das vergessen.

 

Im Buch bleibt Ihre Liebesgeschichte mit Rose offen. Gab es ein
Happy End?

Wenn ich mich jetzt bemühe, diese Frage zu beantworten, dann weiß
ich, dass ich über den größten und folgenreichsten Fehler berichten muss, den
ich in meinem langen Leben gemacht habe. Nur damals sah ich das nicht. Je älter
ich werde, desto mehr verfolgen mich die Erinnerungen.

Nach der Gefangenschaft wollte ich erst mal viel und gut essen,
endlich schlafen, einfach nichts tun. Meine Schwester Ilse drängte, dass ich
mich um die Zulassung als Student an der Berliner Uni bemühen sollte.
Eigentlich hatte ich dazu keine Lust, folgte aber schließlich dem Drängen der älteren
Schwester und wurde auch sehr schnell an der Humboldt-Universität
immatrikuliert. Ein paar Wochen später kam Rose nach Berlin, um den Heimkehrer
wieder zu treffen. Das Mädchen, das mich in meinen Träumen durch die
Kriegswirren begleitet hatte, war mir in diesem Moment fremd. Ich war ein
neunzehnjähriger Junge, der ausgezogen war, für Hitler den Krieg zu gewinnen,
der in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gehungert hatte, um frei zu sein, ein
junger Student. Ich wollte leben und die Welt entdecken. Für die Liebe war ich
nicht bereit. Noch heute denke ich an Rose und sehne mich nach einem Leben an
ihrer Seite. Ich habe es verpasst.

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