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Eva Madelung

Nach der Lektüre dieses sehr lesenswerten Buches sieht man auf die Angehörigen dieser Generation mit anderen Augen, weil man die Beweggründe, die anfällig machen für eine solche Ideologie, in sich selbst entdeckt.

Christoph Wild | eh. Kösel Verlag

Eva Madelung, geboren 1931 als Tochter von Robert Bosch, erlebte das Dritte Reich als Jungmädel in der sogenannten Hitlerjugend. Sie studierte Germanistik und Philosophie und verbrachte 1953 ein Jahr in Indien. Nach Heirat und der Geburt von zwei Kindern absolvierte sie eine psychotherapeutische Ausbildung und war im Anschluss jahrzehntelang als Familientherapeutin und in der Fortbildung tätig. Sie ist Autorin und Koautorin mehrerer Bücher, darunter Trotz – zwischen Kreativität und Selbstzerstörung und Heldenkinder – Verräterkinder. Wenn die Eltern im Widerstand waren.

© A. Stengel

»WER KANN VON SICH SAGEN, DASS ER GENAU WEISS, WIE ER SICH DAMALS VERHALTEN HÄTTE?«

EVA MADELUNG IM INTERVIEW

Es gibt viele Lebensberichte von Menschen, die während des Dritten Reichs mutig waren und die Opfer des Regimes wurden. Sie aber schreiben den Lebensbericht einer Nationalsozialistin. Warum? Und warum gerade jetzt?

Mit den Familien von Menschen, die dem Widerstand gegen das Regime angehörten, habe ich mich in meinem Buch Heldenkinder, Verräterkinder – wenn die Eltern im Widerstand waren befasst. Einer der Anlässe dafür war die Tatsache, dass auch ich einer solchen Familie angehöre, was aber damals unentdeckt blieb.

Die Idee, den Lebensbericht einer Nationalsozialistin zu schreiben, kam mir unter anderem, weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass aus mir, dem begeisterten Jungmädel – wäre ich einige Jahr älter gewesen –, eine begeisterte Nationalsozialistin geworden wäre, obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – mein Vater ein wütender Gegner des Regimes gewesen ist. Außerdem bin ich der Meinung, dass der Abstand von dieser unheilvollen Zeit heute groß genug ist und man deshalb ein Verständnis für die damals Lebenden entwickeln kann, wobei verstehen nicht entschuldigen bedeutet. Das große Interesse, auf das die Fernsehtrilogie Unsere Mütter, unsere Väter gestoßen ist, zeigt, dass viele Menschen das so empfinden. Wer kann von sich sagen, dass er genau weiß, wie er sich damals verhalten hätte?

Ist eine solche Biografie nicht ein Wagnis?

Sicherlich, aber aus den eben genannten Gründen fühlte ich mich bewogen, dieses Wagnis einzugehen. Allerdings habe ich zu der Zeit, als die NSU-Verbrechen ans Tageslicht kamen, gezögert, eine Veröffentlichung anzustreben. Die Gefahr eines Missverstehens schien mir zu groß. Heute sehe ich es wieder anders.

 Sie nennen Ihr Buch eine fiktive Autobiografie – Sie selbst sind eine Tochter des Industriellen Robert Bosch, der Verbindungen zu Mitgliedern des 20. Juli 1944 hatte und Carl Goerdeler in seiner Firma anstellte, damit er seiner Widerstandstätigkeit nachgehen konnte. Wie passt das zusammen?

Aus meiner Sicht sehr gut: Ich habe meinem Vater nichts vorzuwerfen. Er hat das ihm Mögliche getan. Vielleicht ist dies einer der Gründe, dass ich mich frei genug fühle, meinen Blickwinkel zu verschieben und mit den Augen der damals schuldig Gewordenen zu schauen. Auch bei meiner früheren familientherapeutischen Tätigkeit fiel mir auf, dass ich nicht jedes Familienmitglied, das bei der SS war, automatisch als Verbrecher sehen wollte. Es gab ja die verschiedensten Gründe, warum jemand dieser Truppe angehört hat. Man denke etwa an Günter Grass. Damals habe ich auf einem therapeutischen Kongress einen Vortrag mit dem Titel »Die Würde der Täter« gehalten. Man bewegt sich hier allerdings in sehr heiklen Sphären.

Gab es einen Auslöser, sich mit den Mitläufern und Tätern des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen?

Einer der Auslöser war genau meine familientherapeutische Tätigkeit. Wenn man immer wieder erfährt, eine wie große Rolle diese Zeit auch heute noch in deutschen Familien spielt und wie sie trotz allem, was inzwischen geschehen ist, auch heute noch nachwirkt, kann man fast nicht anders, als sich damit zu befassen.

In Ihrem Buch schreibt die Protagonistin ihr Leben für ihre Tochter Hanna auf, von der sie weiß, dass sie in der RAF-Zeit der Bundesrepublik politisch links stand. Eignet sich eine Mutter-Tochter-Beziehung besser als eine Mutter-Sohn-Beziehung, um Ihr Anliegen zu verdeutlichen?

Ehrlich gesagt war es kein bewusster Entschluss, diese Konstellation zu wählen. Es hat sich einfach so entwickelt, und das ist ja das Faszinierende beim Schreiben, dass etwas plötzlich klar ist: Ja, so muss es sein! Im Nachhinein finde ich es aber insofern gut, als es sehr viel weniger Berichte über Frauen und Mädchen im Nationalsozialismus gibt als über Männer und Jungen.

Sind weitere Erkenntnisse aus Ihrer familientherapeutischen Tätigkeit mit in diesen Lebensbericht eingeflossen?

Ja. Zum Beispiel ist es eine zentrale Erkenntnis der Familientherapie, dass niemand aus der Familie ausgeschlossen werden darf, weil sonst ein anderes Mitglied sein Schicksal übernimmt und sich dafür, also für etwas, was es gar nicht getan hat, bestraft. C. G. Jung hat die Notwendigkeit der Hereinnahme Ausgeschlossener auf der intrapsychischen Ebene die Integration des Schattens genannt. Ich glaube, dass dieser Schritt heutzutage für uns Deutsche ansteht.

Dass die Tochter ihre Mutter während der Lektüre des Lebensberichts immer besser zu verstehen beginnt und schließlich die Distanz zu ihr überwindet, ist demgemäß einer der zentralen Erzählstränge meines Buchs.

 Was bedeutet Menschlichkeit für Sie?

Unter Menschlichkeit verstehe ich nicht Wohlverhalten im Sinne eines Moralkodex, derer es ja viele gibt, sondern für mich ist Menschlichkeit die menschliche Existenz als Ganzes, die Gut und Böse einschließt. Wie oft glaubt man, das Gute zu tun, und erfährt hinterher, dass es das Böse war. Genau das erlebte die Protagonistin, und mit ihr viele in der Zeit des Nationalsozialismus lebende Deutsche: Sie haben mit gutem Gewissen Unrecht getan oder wirkliche Verbrechen begangen. Dies ist jedoch leider keine auf die Deutschen in der damaligen Zeit beschränkte, sondern eine immer wieder auftauchende, fatal wirkende Dynamik.

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