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Arnulf Baring

Besonders beeindruckend: das Kapitel über Willy Brandt

Stephan Speicher | Süddeutsche Zeitung

Geboren 1932 in Dresden, erlebte Arnulf Baring das Kriegsende als knapp Dreizehnjähriger in Berlin. Nach dem Magister an der New Yorker Columbia University und der Promotion zum Dr. jur. an der Freien Universität Berlin arbeitete er als Journalist für den WDR, bevor er als Fellow an das Center for International Affairs der Harvard University ging. An der Freien Universität Berlin lehrte er ab 1969 zunächst als Professor für Politikwissenschaft und von 1976 bis 1998 als Professor für Zeitgeschichte und internationale Beziehungen. Seine mehrjährigen Auslandsaufenthalte in den USA, Frankreich und England schärften seinen Blick auf unser Land, auf die Widersprüche deutscher Befindlichkeiten, auf Werteverluste und gängige Redeverbote. Zahlreiche Bücher wie »Machtwechsel. Die Ära Brandt/ Scheel« und »Scheitert Deutschland?« sowie seine häufigen Talkshowauftritte haben ihn zu einem der bekanntesten deutschen Intellektuellen werden lassen.

Herr Prof. Baring, viele nehmen Sie als unbequem wahr. Empfinden Sie sich als Provokateur?

Ganz im Gegenteil: Mich wundert, wie ich wahrgenommen werde. Was andere in mir entdecken, überrascht mich immer wieder. Meine Mutter nannte mich als Kind »Verein für stilles Glück«. Ich war ausgeglichen, diplomatisch und nicht im mindesten rebellisch. Als Außenseiter habe ich mich nie gesehen. Eher als jemanden, der von der Mitte der Republik her argumentiert.

Bezeichnen Sie sich als konservativ?

Ja, aber nicht in dem polemischen Sinne, in dem der Begriff heute verwendet wird. Der Konservatismus wird in Deutschland mittlerweile mit rechts oder sogar rechtsradikal und rechtsextrem gleichgesetzt. Das ist eine grobe Irreführung.

Wie definieren Sie Ihre konservative Haltung?

Zunächst halte ich es, ganz schlicht gesagt, für den Sinn des Lebens, das Leben weiterzugeben. Schon damit stoße ich auf Unverständnis. Neulich sagte mir jemand: Das soll alles sein? Der Sinn des Lebens ist doch Selbstverwirklichung! Da wurde mir klar, wie weit die Verwirrung bei uns bereits um sich greift. Diese Haltung hat uns in die demografische Krise geführt. Eine Gesellschaft von Singles wird die Zukunft Deutschlands nicht sichern. Daher bleibt die herkömmliche Familie das wichtigste öffentliche Anliegen, eine Tatsache, die in Deutschland völlig ignoriert wird.

Welche weiteren Kernpunkte sind Ihnen wichtig?

Mein zweiter Punkt ist die Hochschätzung der Arbeit als eigentlicher Beitrag zur Gesellschaft. Konservativ sein heißt: Jeder muss sich selber erhalten. Auf Kosten der Allgemeinheit zu leben ist eine verächtliche Mentalität und sollte nicht geduldet werden. Wer aus staatlichen Kassen, also vom Steuerzahler unterhalten wird, muss für die Allgemeinheit eine Gegenleistung erbringen – sofern er nicht krank ist oder kleine Kinder hat. Das anstrengungslose Grundeinkommen ist eine perverse Idee. Der dritte Punkt, der mir am Herzen liegt, sind die Interessen unseres Landes, die nicht hinter einem europäischen Schleier verschwinden dürfen. Dass das Thema der nationalen Interessen bei uns überhaupt nicht mehr thematisiert wird, finde ich verantwortungslos. Letztlich bedeutet diese Selbstvergessenheit einen Verzicht der Deutschen auf ihre Zukunft. Was ich mir wünsche, ist, dass die Deutschen – gerade auch die Zugewanderten – gern in unserem Land leben, stolz auf seine lange und im Wesentlichen positive Geschichte blicken und sich seine Kultur zu eigen machen.

Womit wir beim Reizthema Europa wären. Sie gelten als vehementer Kritiker der deutschen Europolitik.

Wenn Altkanzler Helmut Schmidt öffentlich behauptet, der Holocaust verpflichte die Deutschen zu Transferleistungen, halte ich das für eine Unverschämtheit sondergleichen. Damit liefert er den Schlüssel zu unserer Erpressung. Joschka Fischer geht in dieselbe Richtung, wenn er schreibt, wir hätten Europa im letzten Jahrhundert ruiniert und müssten jetzt, koste es, was es wolle, Europa retten.

An den Euro wurden einst große Hoffnungen geknüpft…

Ja, aber der Euro war von Anfang an eine Schnapsidee, weil die Leistungskraft und die Mentalität der beteiligten Länder eben sehr unterschiedlich sind. Wenn man diese Verschiedenheiten mit Transferzahlungen ausgleichen will, ist man verloren. Das ist der Untergang – die völlige Überschätzung dessen, was Europa heute sein kann und was unsere eigene Selbstbehauptung gebieten muss. Doch davon ist keine Rede. Stattdessen herrscht nur diese eigentümliche Sprachlosigkeit, das öffentliche Stillhalten …

Hat diese Sprachlosigkeit Tradition in Deutschland?

Mir fällt nur eine historische Parallele für diese Art ignoranter Abgehobenheit ein. Der Vergleich hinkt natürlich, aber mich erinnert dieser blinde Zweckoptimismus an meine Erfahrung als Zehnjähriger, Anfang der 40er-Jahre. Damals hörte ich immer: »Wir werden siegen, denn wir müssen siegen.« Schon damals dachte ich: Irgendetwas stimmt doch nicht an dem Satz – wieso werden wir siegen, weil wir siegen müssen? Es gab seinerzeit eine ähnliche rhetorische Vernebelung, obwohl ja schon offenkundig war, dass wir keinen Krieg gegen den Rest der Welt gewinnen konnten.

Wie hat die Kindheit im Krieg Sie geprägt?

Schockartig bin ich durch zwei Ereignisse mit den teuflischen Seiten eines totalen Kriegs konfrontiert worden. Am furchtbarsten war das Gefühl der völligen Aussichtslosigkeit. Die Alliierten bedrohten uns mit Bomben, die Russen, so hörte man, wollten uns nach Sibirien verschleppen. Davor hatte ich panische Angst. Das andere war die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945. Meine Großmutter hat mir das Leben gerettet, weil sie nach der ersten Welle des Bombardements mit weiblichem Instinkt sofort darauf bestand, den Keller zu verlassen.

Waren das traumatische Erlebnisse?

Möglicherweise. Als die Russen Berlin eroberten, wurde ich mehrfach mit verbundenen Augen hinter dem Haus an die Wand gestellt und erwartete meine Exekution. Damals war ich 13 Jahre alt. Doch die russischen Soldaten haben entweder gar nicht geschossen oder über meinen Kopf hinweggezielt. Sie wollten mir Angst einjagen, weil sie auf versteckte Uhren hofften.

Wie haben Sie Ihre Ängste verarbeitet?

Meine Frau ist der festen Meinung, ich hätte diese Erlebnisse nie verkraftet. Wir hatten ja Todesangst, vor allem beim Einmarsch der Russen vor den Vergewaltigungen. Meine Mutter wurde nur verschont, weil mein eineinhalbjähriger kleiner Bruder aus Leibeskräften schrie. Doch ich wurde mehrfach Zeuge, wie Mitbewohnerinnen vergewaltigt wurden. Lange konnte ich noch auf der Überdecke meines Bettes den großen Fleck sehen, den die russischen Soldaten hinterlassen hatten.

 Wurde das Leid der Deutschen bisher zu wenig beachtet?

Lange Zeit haben wir es nicht gewagt, unsere eigenen Toten zu betrauern. Wir haben um Juden, Russen, Polen, Sinti und Roma getrauert, aber nicht um unsere eigenen Mütter, Schwestern, Kinder. Dies hat mich immer sehr gestört. Zu den Redeverboten gehört übrigens auch, über meinen Alltag im Dritten Reich zu sprechen, der wesentlich bürgerlicher war, als man heute für möglich hält. Während meiner Schulzeit wurde jeden Morgen vor Beginn des Unterrichts ein Gebet gesprochen – in der Volksschule ab 1938, im Gymnasium ab 1942. Das glaubt einem heute doch kein Mensch.

Wir leben in einer Zeit der political correctness, mit vielen Tabus. Sie haben sich nie darum geschert – woher nehmen Sie den Mut?

Für mich persönlich ist die Bereitschaft , von der Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, ganz sicher eine Reaktion auf das Dritte Reich. Ich habe den Konformismus immer als das schlimmste Erbe der Diktaturen empfunden. Deshalb verabscheue ich auch das Wort »alternativlos«. Nichts im Leben ist alternativlos. Die Alternativen mögen unerfreulich sein, das will ich gern einräumen, aber die Behauptung, es gebe keine Alternative, ist einfach Unsinn.

Herr Baring, auch wenn Sie sich selbst nicht so sehen – wie fühlt es sich an, in die Rolle des Unbequemen gedrängt zu werden?

Nun ja, ich erlebe mich als jemanden, der auf der Autobahn in die richtige Richtung fährt und im Radio hört, ein Geisterfahrer sei unterwegs. Wenn ich dann aus dem Fenster schaue, stelle ich fest: Mir begegnen nur Geisterfahrer. Aber die anderen denken natürlich, ich sei es, der auf der falschen Spur unterwegs ist. Dieses Bild habe ich vor Augen, wenn ich mein Lebensgefühl beschreiben soll.

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